In zwei Filmen entwirft John Carpenter eine dystopische Vision der Vereinigten Staaten, in denen Großstädte zu Gefängnissen umfunktioniert werden, weil man ihrer nicht mehr Herr wird. (Streng genommen spielen die Filme noch nicht nach der Apokalypse, doch ist die Drohung eines atomaren Vernichtungskrieges stets präsent: Der erste Film endet mit der Aussicht eines unmittelbar bevorstehenden Atomkriegs, im zweiten Film löst der Protagonist gar selbst eine atomare Erstschlagswaffe aus, um die Menschheit in ein neues Mittelalter zu führen.)
Mit Escape from New York (USA 1981, dt. Die Klapperschlange – IMDB) und Escape from L.A. (USA 1996, dt. Flucht aus LA – IMDB) hat Carpenter eigentlich zweimal den gleichen Stoff verfilmt. Zwar ist, was die Diegese angeht, der zweite Film ganz klar als Fortsetzung gedacht, doch sind der Handlungsverlauf und die Schlusspointe so ähnlich, dass man den Film eher als Remake auffassen sollte. Dann wird der Film, der lange als bloßer Abklatsch des ersten galt, auch wieder interessant. Der Reiz liegt dann nicht in der ‘überraschenden’ Handlung, sondern im Setting und im Personeninventar. Warum ist es Anfang der Achtziger New York, das als Gefängnis herhalten muss und warum Mitte der Neunziger Los Angeles? Und welche Figuren lässt Carpenter in diesem Setting auftreten? Und noch interessanter ist die Frage, warum Cleveland, das im zweiten Teil fortwährend ironisch als noch schlimmeres Gefängnis referenziert wird, es nicht zu einem eigenen Film gebracht hat: Warum gibt es kein Escape from Cleveland?
Ich wage hier mal ein paar Thesen:
- In den 70er und 8oer Jahren des 20. Jahrhunderts galt New York – lange vor Rudy Giulianis zero-tolerance-Politik – tatsächlich als potentiell rechtsfreie Zone. Insbesondere ein eintägiger Stromausfall führte 1977 zu anarchischen Zuständen. Da war es nur folgerichtig, dass Carpenter diese gesellschaftlichen Ausnahmezustände 4 Jahre später konsequent weiterzudenken.
- Für die Fortsetzung in den 90er Jahren hat sich Carpenter dann Los Angeles ausgeguckt, weil sich an L.A. der Wandel der Großstädte am Eindrucksvollsten manifestiert (vgl. dazu die Arbeiten des Stadtforschers Edward Soja): Die Stadt als buntes Patchwork unterschiedlichster Lebensentwürfe, die – mal mehr, mal weniger gut – miteinander kombiniert werden. Das L.A. Carpenters ist nicht nur ein Gefängnis, sondern auch Lebensraum und letztlich Refugium für gesellschaftliche Außenseiter.
- Cleveland, eine verarmte Industriestadt, die bislang vergeblich als Tourismusstandort aufgebaut werden soll, ist ein klassischer Nicht-Ort (im Sinne von Marc Augé), ein Durchgangsraum – auch für den Protagonisten Snake Plissken – , der keinerlei Distinktionsmerkmale aufweist und gerade immer wieder als Ort herbeizitiert wird. Die Flucht aus Cleveland tatsächlich zu erzählen, wäre aber völlig uninteressant.
Genauere Analysen der beiden Filme – auch unter den hier genannten Aspekten – unternehme ich im Rahmen meiner im Entstehen begriffenen Dissertation zur Raummodellierung in Carpenters Filmen.

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Herzlich willkommen, Patrick!
Auch ein sehr schönes Thema, wie erwähnt dreht(e) sich meine Diss. ja auch um “Räume” – und der Wert des Doubles Utopie/Dystopie für das Projekt braucht ja nicht weiter betont zu werden. (CFH)
Eine Literaturliste zum Thema Utopie/Dystopie sowie zur Apokalypse fände ich übrigens auch sehr schön – beide Bereiche gehören in meinen Augen zur Postapokalypse dazu, aber eben nicht direkt/zentral.
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