Jul 25

Alles über Ulm

um 15:09 Uhr | Kategorie: Texte | Autor: (SH) | Andere Beiträge von (SH) | drucken

Heute ist eine Antiquariatsbestellung eingetroffen, auf die ich schon einige Zeit gewartet habe:

Ulmer Ärtzeinitiative (Hg.):
Tausend Grad Celsius
Das Ulm-Szenario für einen Atomkrieg
Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1983
Info / Amazon

Das knapp 90 Seiten schmale Bändchen ist lupenreine Apokalypsen-Fiktion. Gezeichnet wird ein realistisches Szenario nach einem Atomangriff auf Ulm (durch einen technischen Fehler schießen die Russen ihre SS 20 auf Europa ab und treffen dabei auch das lauschige DomDonau-Städtchen, in dem wichtige logistische Zentren der Bundeswehr liegen/lagen) aus der Perspektive von Medizinern. Zunächst wird geklärt in welchem Radius überhaupt welche Schäden und Verwundungen entstehen, dann wird statistisch geklärt, dass es keineswegs ausreichende Versorgung von Verletzten und Sterbenden geben kann. Schließlich gehen die Herausgeber detailliert auf Krankheiten, die direkt durch die Atombombe oder deren Folgen entstehen. Das ist alles ganz schön düster und ernüchternd und realtiviert vor allem nüchterne militärische Szenarien gewaltig.

Nichtsdestrotrotz ist es Fiktion. Und als solche zeigt es sehr deutlich, wie sehr sich dokumentarische und nicht-dokumentarische Ästhetiken gerade in Entwürfen von Atomkriegsszenarien verbinden.

6 comments

6 Comments so far

  1. (DS) Juli 25th, 2008 17:26

    Interessant, habe ich mir als Exilulmer (“lauschiges Domstädtchen” ts…)doch gleich auch mal bestellt.

  2. (CFH) Juli 25th, 2008 20:25

    Als Exil-Essener finde ich das perverserweise auch sehr spannend und bedanke mich recht artig für den Tipp.
    Ich fürchte, bei der Masse an Themen brauchen wir demnächst nicht nur einen Sammelband, sondern auch eine Zeitschrift?

  3. (SH) Juli 26th, 2008 07:30

    Das war natürlich ein handfester Vertipper. Sollte eigentlich Donau-Städtchen heißt … aber gut.

    Gegen Ende wird das Buch dann wieder etwas “realistischer” und zwar, wenn die Ärzte zu ihren politischen Forderungen kommen. Eine bedrückende Dialektik entwickeln sie da: Sie weigern sich, sich als Kriegsmediziner fortbilden zu lassen, weil dies der Öffentlichkeit einerseits suggeriert, es gäbe im Ernstfall tatsächlich mögliche Hilfe. Darüber hinaus erkennen sie sich als Rädchen im Rüstungsgetriebe, weil die Ausbildung von Kriegsärzten auch eine Art Aufrüstung darstellt, die von der Gegenseite als “Vorbereitung” aufgefasst werden und zu vorschnellen Reaktionen führen könnte.

    Resümee ist, wie in “WarGames”: Der einzig sinnvolle medizinische Zug ist es, nicht zu spielen, sondern das Spiel zu verhindern.

  4. DigitaleWelten Juli 26th, 2008 18:19

    Wargames everywhere.

    Klingt sehr interessant das Buch. Ich glaub ich hatte davon auch schonmal gehört. Danke für die Vorstellung!

  5. (JS) Juli 26th, 2008 18:25

    Toller Tipp, danke hierfür!

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