Aug 3
200 Meter trügerische Sicherheit
Gestern habe ich einen Ausflug zum nahe gelegenen “Regierungsbunker Marienthal” unternommen – dem Atombunker, der im Ernstfall das Überleben von etwa 3000 Menschen (darunter der komplette Bundestag) sichern sollte. Das etwa 17,3 km lange Tunnelsystem (mit Abzweigungen) liegt circa 30 km von Bonn entfernt und erstreckt sich auf ein Gebiet zwischen Ahrweiler und Dernau.
Im Ernstfall hätte der Bunker einem direkten Angriff 20kt(!)-Bombe standgehalten (das entspricht der Explosivkraft der Hiroshima-Bombe) – das hätte vielleicht gereicht, wenn eine ja wahrscheinlich wesentlich größere Bombe in Bonn (etwa am dortigen Hardtberg, wo ich jetzt wohne) niedergegangen wäre. Da sowohl die Lage als auch die Architektur des Bunkers der damaligen Gegenseite bekannt gewesen sind, ist davon auszugehen, dass der “Rosengarten” (so der Codename des Bunker-Systems) auch das Direktziel eines Angriffs gewesen sein dürfte.
Die Führung wurde von einem Herrn mit Hang zu Endzeit-Witzen durchgeführt. Das Bunkersystem ist seit 1997 soweit zurückgebaut worden, dass nur noch etwa 200 Meter davon betretbar sind, die jetzt als Dokumentationsstätte dienen. Im folgenden habe ich einige fotografische Impressionen gesammelt, die einen Eindruck des Bunkerinnenlebens (schon verändert durch die jetzige Musealisierung) geben sollen. Zum Vergrößern der Bilder diese bitte anklicken:
Besonders leicht zu finden war der Bunker schon damals nicht. Auch für uns (Besucher heute) erst nach längerem Suchen durch sehr kleine Hinweisschilder zu entdecken.
Der Zufahrtsweg mit dem Bunkereingang bei Ahrweiler. Der rechte Gebäudeteil ist ein neuer Anbau für die Dokumentationsstätte, wo Exponate und Filme zu sehen sind.
Eintrittstafel am Tor mit Öffnungszeiten (für potenzielle nächste Besucher). Der Bunker wurde in diesem Jahr seit der Eröffnung im März schon von 30.000 Interessierten besucht. Mit den Eintrittsgeldern wird die Dokumentationsstätte weiter ausgebaut. Vielleicht gibt es ja irgendwann sogar mal eine Heizung (innen herrschen konstant 15 °C).
Im Vor-/Warteraum sind Exponate über die Geschichte des Höhlensystems zu sehen. Während der NS-Zeit wurden dort unter Zwangsarbeit Abschussrampen für die V2-Rakete produziert.
Eines der Drucktore, die das Bunkerinnere (durch besondere Dichtungen) kontaminationsfrei halten sollten.
… auf der anderen Seite.
Eines der vier 25 Tonnen schweren Rolltore, die innerhalb von Sekunden hydraulisch (oder in 40 Minuten manuell) geschlossen werden konnten, um Strahlen und Verstrahlte draußen zu halten. Die Rolltore wurde aufgrund ihres Gewichtes zuerst aufgestellt und dann der Bunkereingang darüber gebaut.
Dadurch, dass die Tore zumeist ferngesteuert geöffnet wurden (und das recht schnell), waren sie selbst eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle.
Dreistufiger Dekontaminationsbereich: Verstrahlte Personen wurden in Raum 1 ihrer Kleidung entledigt, in Raum 2 geduscht (und ggf. vom Bunkerpersonal geschrubbt) und in Raum 3 getrocknet und neu eingekleidet. Hier ein Blick von dem Raum hinter Raum 3, in dem ein Wachmann saß und durch eine Glasscheibe (mit Scheibenwischer, um das Kondenswasser zu entfernen) den Prozess überwachen konnte.
Die teilweise äußerst langen Flure wirken, gerade wenn sie verlassen sind, besonders gespenstisch. Die leichte Biegung wird noch durch einige Knicke ergänzt, mit deren Hilfe Luftdruckwellen gebrochen werden sollten.
Ein rekonstruierter Materialraum. Die Küchen wurden u. a. auch für Gottesdienste verwendet. Gott war also auch einer der Privilegierten, die in den Bunker durften. Klar, irgend jemanden musste es nach der Apocalypse ja noch anzubeten geben.
Eine rekonstruierte Steuerzentrale (die wesentlich tiefer im Bunker gelegen war). Hier wurde unter anderem der Einlass verwaltet.
Noch mehr Ausstattung, die eingelagert wurde. Alles wurde stets auf aktuellem Stand gehalten und gewartet, damit es im Ernstfall funktioniert. Das hat laufende Kosten produziert, die wohl der Hauptgrund für die Aufgabe des Bunkers gewesen sein dürften. Irgendwann ist die Kostenabschreckung einfach zu groß …
Ein Schild sagt mehr als tausend Worte. Sicherheitshalber wird der Iran-Diskurs auch hier, über hundert Meter unter der Erde, noch weiter geführt.
Ein Transportsystem, mit dem Bunker-VIPs durch die Gänge gezogen wurden. Nur ganz wenige hohe Politiker haben den Ort je besucht. Für Übungen gab es den “Bunderskanzler-Üb” und den “Bundespräsidenten-Üb”, die zusammen mit anderen Übungsteilnehmern testweise Tage und Nächte unter der Erde verbringen durften.
Einige weitere Ausstattungsgegenstände als Exponate. Links ein Luftfilter und rechts eine “Notfallausstattung Megaphon und Kerze”.
Ein sehr interessantes Exponat: Ein “explosionsgeschütztes Telefon” mit dem man andere Leute an anderen explosionsgeschützten Telefonen anrufen konnte.
Das (rekonstruierte) Zimmer des Bundeskanzlers.
Zahnarzt- und Krankenzimmer. (Der Gelbstich ist dem leider falsch gewählten Weißabgleich meiner Kamera geschuldet.)
Aufgang zu den Quartieren. Das Personal hat etwas – aber nur etwas – unbequemer als die Regierungsmitglieder gelebt.
Einer der recht unkomfortablem Manschaftswohn- und -schlafräume im ersten Geschoss, deren Besuch den Abschluss der etwa einstündigen Bunkerführung bildeten.
Alle Fotografien wurden erstellt von Stefan Höltgen mit freundlicher Genehmigung der Leitung des “Dokumentationszentrums Regierungsbunker” am 02.08.2008.
Weitere Informationen zum Bunker mit Fotografien finden sich
- auf der Seite des Fotografen Andreas Magdanz
- auf www.bunker-marienthal.de
- auf www.ausweichsitz.de
- im “Bunkerland“
- und natürlich bei uns.
9 Comments so far
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[...] mehr: postapocalypse.de [...]
Toll, genial, klasse Fotos, spannend … mehr!
Die Steuerzentrale sieht cool aus. Könnte direkt aus einem dieser alten Sci-Fi 80er Filme stammen.
[...] wurde der Regierungsbunker in Marienthal von der Bundesregierung aufgegeben und dessen Rückbau beschlossen. Dieser ging offenbar so langsam [...]
[...] bereits dabei) und weitere Überlebende mit dem Flugzeug zu suchen. Die Roboter erinnern stark an Menschen in Strahlenschutzanzügen – und ihre Köpfe sehen ein bisschen wie altmodische Vakuumröhren aus. Auch keine seltene [...]
[...] bereits dabei) und weitere Überlebende mit dem Flugzeug zu suchen. Die Roboter erinnern stark an Menschen in Strahlenschutzanzügen – und ihre Köpfe sehen ein bisschen wie altmodische Vakuumröhren aus. Auch keine seltene [...]
[...] über Atombunker haben aus irgendwelchen Gründen derzeit Konjunktur. Heute findet sich auf Spiegel Online einer über einen Schweizer [...]
[...] erinnert (untere Fotohälfte). Die offizielle Seite zum “Atombunker” gibt es hier. Ein Blogger hat das Dokumentationszentrum besucht und viele Fotos gemacht. Ein gespenstische Millionensache das [...]
[...] Ausweichsitz der Bundesregierung, der hier schon mehrfach Thema war, ist jetzt zum Europäischen Kulturerbe ernannt [...]