200 Meter trügerische Sicherheit

Gestern habe ich einen Ausflug zum nahe gelegenen “Regierungsbunker Marienthal” unternommen – dem Atombunker, der im Ernstfall das Überleben von etwa 3000 Menschen (darunter der komplette Bundestag) sichern sollte. Das etwa 17,3 km lange Tunnelsystem (mit Abzweigungen) liegt circa 30 km von Bonn entfernt und erstreckt sich auf ein Gebiet zwischen Ahrweiler und Dernau.

Im Ernstfall hätte der Bunker einem direkten Angriff 20kt(!)-Bombe standgehalten (das entspricht der Explosivkraft der Hiroshima-Bombe) – das hätte vielleicht gereicht, wenn eine ja wahrscheinlich wesentlich größere Bombe in Bonn (etwa am dortigen Hardtberg, wo ich jetzt wohne) niedergegangen wäre. Da sowohl die Lage als auch die Architektur des Bunkers der damaligen Gegenseite bekannt gewesen sind, ist davon auszugehen, dass der “Rosengarten” (so der Codename des Bunker-Systems) auch das Direktziel eines Angriffs gewesen sein dürfte.

Die Führung wurde von einem Herrn mit Hang zu Endzeit-Witzen durchgeführt. Das Bunkersystem ist seit 1997 soweit zurückgebaut worden, dass nur noch etwa 200 Meter davon betretbar sind, die jetzt als Dokumentationsstätte dienen. Im folgenden habe ich einige fotografische Impressionen gesammelt, die einen Eindruck des Bunkerinnenlebens (schon verändert durch die jetzige Musealisierung) geben sollen. Zum Vergrößern der Bilder diese bitte anklicken:

Besonders leicht zu finden war der Bunker schon damals nicht. Auch für uns (Besucher heute) erst nach längerem Suchen durch sehr kleine Hinweisschilder zu entdecken.

Der Zufahrtsweg mit dem Bunkereingang bei Ahrweiler. Der rechte Gebäudeteil ist ein neuer Anbau für die Dokumentationsstätte, wo Exponate und Filme zu sehen sind.

Eintrittstafel am Tor mit Öffnungszeiten (für potenzielle nächste Besucher). Der Bunker wurde in diesem Jahr seit der Eröffnung im März schon von 30.000 Interessierten besucht. Mit den Eintrittsgeldern wird die Dokumentationsstätte weiter ausgebaut. Vielleicht gibt es ja irgendwann sogar mal eine Heizung (innen herrschen konstant 15 °C).

Im Vor-/Warteraum sind Exponate über die Geschichte des Höhlensystems zu sehen. Während der NS-Zeit wurden dort unter Zwangsarbeit Abschussrampen für die V2-Rakete produziert.

Eines der Drucktore, die das Bunkerinnere (durch besondere Dichtungen) kontaminationsfrei halten sollten.

… auf der anderen Seite.

Eines der vier 25 Tonnen schweren Rolltore, die innerhalb von Sekunden hydraulisch (oder in 40 Minuten manuell) geschlossen werden konnten, um Strahlen und Verstrahlte draußen zu halten. Die Rolltore wurde aufgrund ihres Gewichtes zuerst aufgestellt und dann der Bunkereingang darüber gebaut.

Dadurch, dass die Tore zumeist ferngesteuert geöffnet wurden (und das recht schnell), waren sie selbst eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle.

Dreistufiger Dekontaminationsbereich: Verstrahlte Personen wurden in Raum 1 ihrer Kleidung entledigt, in Raum 2 geduscht (und ggf. vom Bunkerpersonal geschrubbt) und in Raum 3 getrocknet und neu eingekleidet. Hier ein Blick von dem Raum hinter Raum 3, in dem ein Wachmann saß und durch eine Glasscheibe (mit Scheibenwischer, um das Kondenswasser zu entfernen) den Prozess überwachen konnte.

Die teilweise äußerst langen Flure wirken, gerade wenn sie verlassen sind, besonders gespenstisch. Die leichte Biegung wird noch durch einige Knicke ergänzt, mit deren Hilfe Luftdruckwellen gebrochen werden sollten.

Ein rekonstruierter Materialraum. Die Küchen wurden u. a. auch für Gottesdienste verwendet. Gott war also auch einer der Privilegierten, die in den Bunker durften. Klar, irgend jemanden musste es nach der Apocalypse ja noch anzubeten geben.

Eine rekonstruierte Steuerzentrale (die wesentlich tiefer im Bunker gelegen war). Hier wurde unter anderem der Einlass verwaltet.

Noch mehr Ausstattung, die eingelagert wurde. Alles wurde stets auf aktuellem Stand gehalten und gewartet, damit es im Ernstfall funktioniert. Das hat laufende Kosten produziert, die wohl der Hauptgrund für die Aufgabe des Bunkers gewesen sein dürften. Irgendwann ist die Kostenabschreckung einfach zu groß …

Ein Schild sagt mehr als tausend Worte. Sicherheitshalber wird der Iran-Diskurs auch hier, über hundert Meter unter der Erde, noch weiter geführt.

Ein Transportsystem, mit dem Bunker-VIPs durch die Gänge gezogen wurden. Nur ganz wenige hohe Politiker haben den Ort je besucht. Für Übungen gab es den “Bunderskanzler-Üb” und den “Bundespräsidenten-Üb”, die zusammen mit anderen Übungsteilnehmern testweise Tage und Nächte unter der Erde verbringen durften.

Einige weitere Ausstattungsgegenstände als Exponate. Links ein Luftfilter und rechts eine “Notfallausstattung Megaphon und Kerze”.

Ein sehr interessantes Exponat: Ein “explosionsgeschütztes Telefon” mit dem man andere Leute an anderen explosionsgeschützten Telefonen anrufen konnte.

Das (rekonstruierte) Zimmer des Bundeskanzlers.

Zahnarzt- und Krankenzimmer. (Der Gelbstich ist dem leider falsch gewählten Weißabgleich meiner Kamera geschuldet.)

Aufgang zu den Quartieren. Das Personal hat etwas – aber nur etwas – unbequemer als die Regierungsmitglieder gelebt.

Einer der recht unkomfortablem Manschaftswohn- und -schlafräume im ersten Geschoss, deren Besuch den Abschluss der etwa einstündigen Bunkerführung bildeten.

Alle Fotografien wurden erstellt von Stefan Höltgen mit freundlicher Genehmigung der Leitung des “Dokumentationszentrums Regierungsbunker” am 02.08.2008.

Weitere Informationen zum Bunker mit Fotografien finden sich

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10 Responses to 200 Meter trügerische Sicherheit

  1. Pingback: SimulationsRaum » Blog Archive » Bombensicher

  2. (CFH) says:

    Toll, genial, klasse Fotos, spannend … mehr!

  3. Die Steuerzentrale sieht cool aus. Könnte direkt aus einem dieser alten Sci-Fi 80er Filme stammen.

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  10. kees says:

    Sehr Geehrte Damen und Herren,
    mein Name ist Kees van Leeuwen.
    Ich bin “Artistic Researcher” an der Königlichen Akademie in Den Haag.
    Seit geraumer Zeit bin ich an Bunkergeschichte, explizit an dem (Regierungsbunker im Ahrtal) interessiert.
    Ich suche detaillierte Blaupausen des Bunkers.
    Vor allem Pläne der Innenräume, Luftkanäle und Generatorenräume.
    Können Sie mir weiterhelfen?
    Jeder Scan oder jede Kopie hilft mir bei meiner Arbeit .
    Auch wenn Sie Adressen oder Buchtipps haben würden Sie mir sehr helfen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Kees van Leeuwen

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