Sep 7
Gestern war heute morgen
Alle Science Fiction ist immer auch fictional Science, denn die zukünftigen Entwürfe sind Prolongationen bekannter Zustände. Anders wären Utopien nicht verstehbar oder bedürften eines sehr komplex beschriebenen Regelwerks (vgl. die Enzyklopädien zu Frank Herberts “Dune”-Zyklus). Worauf ich aber hinaus will ist, dass sich Wissenschaft nicht nur abstrakt durch Beschreibung von Gesetzmäßigkeiten, sondern auch konkret in Form von utopischen Entwüfen zu einem guten Teil prospektiv verhält und Beschreibungen für die Zukunft anbietet. Es gibt sogar einen interdisziplinären Bereich, der sich mit der wissenschaftlichen “Beschreibbarkeit” von Zukunft beschäftigt. Und genau aus diesem Bereich habe ich heute ein Buch im “Bonner Bücherschrank” ergattert:
Herman Kahn/Anthony J. Wiener
Ihr werdet es erleben.
Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahr 2000
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971 (1967)
Info | Amazon
Zu den vielen Entwürfen für das, was die Autoren die “Standardwelt” nennen, gehören auch zahlreiche Sozialutopien – eine davon nennt sich: “Einige Möglichkeiten für den Ausbruch eines Atomkrieges” und entwickelt Szenarien, die bis zum Jahr 2000 zu einem thermonuklearen Krieg führen – nebst deren Wahrscheinlichkeits-Einschätzung. Sehr interessant für unseren Zusammenhang ist das Unterkapitel “Einige Nachkriegsentwürfe”, das die “Standardwelt” nach dem Ende eines begrenzten oder weltweiten Atomkriegs skizziert. Sogar die Schwierigkeiten, solche Szenarien realistisch zu gestalten, werden von den Autoren thematisiert: Man “kann sich des Gefühls nicht erwehren, daß eine Situation, in der es schwierig ist, Atomkriegsentwürfe zu schreiben viel zufriedenstellender und tröstlicher ist als eine, in der überzeugende Szenarien verfaßt werden können.” (310)
Eine sehr interessante These stellen die Autoren gleich zu Beginn des Kapitels über die Notwendigkeit eines solchen postapokalyptischen Entwurfs an: “Darauf zu bestehen, daß jeder Atomkrieg unvermeidlich die totale Vernichtung nach sich ziehe, könnte selbst eine Form der Weigerung sein, sich weiter mit realistischen Einschätzungen eines Atomkrieges, seinen Entstehungs- und Verhütungsmöglichkeiten zu befassen.” (S. 308 FN)
Wir hier im Blog arbeiten also genau an der richtigen Sache.
5 Comments so far
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Dass Zukunftsforschung funktionieren kann, lässt sich zum Beispiel damit beweisen, dass ich ziemlich exakt voraussagen kann, was Christian tun wird, nachdem er diesen Artikel gelesen hat.
hat der bereich, den du beschreibst, international einen namen?
die forschungsrichtung meine ich, nicht die aktivitäten eines gewissen christian
Ich glaube, das heißt wirklich “Zukunftsforschung” bzw. “Futurologie”:
http://de.wikipedia.org/wiki/Zukunftsforschung
Hatte auch als Kind so einen Bildband aus den 60ern, in dem die vermeintliche Zukunft, unterteilt nach verschiedenen Bereichen (Wohnen, Arbeit, Verkehr, usw.) beschrieben wurde. Demnach wohnen wir heute in winzigen Boxen in Sarggröße in kilometerhohen Betonklötzen im Meer und auf dem Mond. Besonders spannend waren die zu Grunde liegenden ultra-naiven sozialen und politischen Anschaungen der Autoren. So wurde z.B. vermutet, niemand müsse im Jahr 2000 mehr arbeiten, weil Roboter das erledigen würden. Leider ist das wunderbare Werk verschwunden. Deshalb hab ich mir gleich mal “Ihr werdet es erleben” bestellt. Vielleicht ist das ja ähnlich aufschlussreich und komisch.
[...] man den Titel des bekannten Buches von Kahn und Wiener wörtlich, welche Art des Vorlaufens in apokalyptische bzw. postapokalyptische Szenarien liegt [...]