Der Tag nach dem Ende

Kehren wir von der Westküste und Los Angeles an die Ostküste der USA, nach New York zurück. Hier spielen nicht wenige Endzeitfilme, so auch Sergio Martinos „Fireflash“, der im Original den Titel „2019 – Dopo la caduta di New York“ trägt.

Der Untertitel bedeutet so viel wie „Nach dem Ende von New York“ und wie dieses Ende aussieht, zeigt der Film bereits im Vorspann: Häusergerippe vor einem düsteren Horizont. Die Atombomben haben ganze Arbeit geleistet. Die noch lebenden Einwohner der Stadt sind verseucht und tragen mehr oder weniger schreckliche Wundmale. Der Krieg, der daran schuld ist, ist jedoch noch nicht beendet. Während sich die pan-amerikanische Macht nach Alaska verzogen hat und von dort weitere Aktionen vorbereitet, haben sich in New York und anderswo die Euraker eingenistet – eine faschistoide Militärgesellschaft, von einer Frau befehligt und Menschenexperimente im Sinn.

Denn die Menschheit steht kurz vor dem Aussterben, weil alle Frauen unfruchtbar geworden sind. Die Euraser wollen mit den verseuchten Mutanten genetische Experimente anstellen, um wieder zu zeugungsfähigen Frauen zu kommen. Parsifal, genannt Flash, hat damit zunächst einmal nichts zu tun. Er fährt irgendwo in der Wüste von New Mexico Autorennen, bei denen nur derjenige, der überlebt, gewinnt. Am Ende eines solchen Rennens wird er jedoch von pan-amerikanischen Agenten nach Alaska entführt und erhält dort den Auftrag, mit zwei Begleitern nach New York zu gehen. Dort soll es nämlich noch eine zeugungsfähige Frau geben. Das wissen auch die Euraker und so beginnt ein Wettlauf, bei dem Flash und seine Gefährten einer Übermacht von eurasischen Soldaten gegenüberstehen. Doch es stellt sich heraus, dass er nicht allein ist. In New York existieren eine Anzahl von Gruppen, Kleinwüchsige, Affenmenschen und andere, die ihm in seinem Kampf gegen die Eurasier beistehen. Doch wer genau Freund und Feind ist, zeigt sich erst am Schluss …

Stefan: Wir freuen uns, schon bei unserem zweiten Filmgespräch einen Gast begrüßen zu dürfen, dessen Anwesenheit hier darauf zurückgeht, dass unser Postapocalypse-Blog ein kleines Kooperationsprojekt mit dem Weblog „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde“ gestartet hat. Die nächsten Filmgespräche werden sich nämlich Actionfilm-Postapokalypse-Hybride aus den 1980er-Jahren behandeln und da ist uns die Anwesenheit von 80s-Action-Fachleuten nur Recht. Dieses Mal ist Oliver Nöding, einer der beiden Blog-Betreiber, mit von der Partie. Oliver hat den Film auch vorgeschlagen und ich frage ihn gleich einmal: warum?

Oliver: Das Endzeitfilm-Subgenre stellt ja wahrscheinlich die konkreteste filmische Ausformung postapokalyptischer Visionen dar, wie man schon unschwer an seinem Namen ablesen kann. Interessanterweise setzt es sich aber aus einem recht überschaubaren Korpus von Filmen zusammen: Eigentlich könnte man argumentieren, dass George Millers „Mad Max“-Trilogie den Endzeitfilm sowohl begründet als auch wieder abgeschlossen hat. Zwar gab es thematisch vergleichbare Filme auch schon vorher – man denke etwa an L. Q. Jones’ „In der Gewalt der Unterirdischen“ –, aber erst Miller formulierte ein geschlossenes Genre-Vokabular samt dazugehöriger Grammatik. Seine „Mad Max“-Trilogie erscheint als so dermaßen geschlossen, dass nicht nur kein Nachzieher annähernd ähnliche Popularität erlangen konnte, sondern das Subgenre auch bald schon wieder vom übergeordneten Science-Fiction-Genre einverleibt wurde und bis heute seiner Reanimierung harrt. (Sehr erhellend scheint mir in diesem Zusammenhang übrigens die Tatsache, dass es zum feststehenden deutschen Begriff „Endzeitfilm“ keine ähnlich schlagende Entsprechung im Englischen – und damit eigentlich auch kein fest umrissenes Genre – gibt.) Möglicherweise liegt das auch daran, dass der Löwenanteil des Endzeitfilms von italienischen Produktionen gestellt wird, die sich an den Erfolg des australisch-amerikanischen Vorbilds anhängen wollten. „Fireflash“, vom Routinier Sergio Martino unter dem Pseudonym „Martin Dolman“ inszeniert, zählt meines Erachtens zu den besten dieser „Mad Max“-Kopien (andere Titel sind etwa Castellaris „Metropolis 2000“, Fulcis „Die Schlacht der Centurions“ oder Carnimeos „The Executor – Der Vollstrecker“). Im Gegensatz zu den meisten seiner italienischen Kollegen geht es ihm nicht nur um ein Action-Dauerfeuerwerk, vielmehr nutzt er sein Thema für ein kunterbuntes Pastiche (pop)kultureller Verweise und Zitate. Seine Apokalypse führt die Menschheit geradewegs zurück in den Mythos.

Christian: Neben den zahlreichen Anspielungen auf postapokalyptische und dystopische Filmvorbilder, darunter „Blade Runner“ (Replikanten), „Mad Max“ (Einzelgänger montiert Stahlplatten an sein Auto), „Die Klapperschlange“ (Protagonist muss nach Manhattan hinein), ist mir bei dem Film vor allem eines aufgefallen: Nach der Apokalypse suchen die Menschen erstmal nicht nach Nahrung, sondern nach gesunden Frauen, um sich fortzupflanzen – so abwegig das erst einmal für jeden geneigten Cormac-McCarthy-Leser („Die Straße“) klingen mag, der Film steht an diesem Punkt nicht alleine da. Auch in „A boy and his dog“, „Nuclear War“ und „Le dernier combat“ ist die „Ressource Frau“ das wichtigste Gut. In „Fireflash“ wird der Protagonist von der panamerikanischen Föderation, den in weiß gekleideten Gegenspielern der Euraker, mehr oder weniger gezwungen, die letzte gebärfähige (d. h. gesunde, nicht-verstrahlte) Frau zu finden, die sich in Manhattan aufhalten soll (wer hier nicht an Snake Plissken denkt, sollte noch mal „Die Klapperschlange“ rauskramen). Der Auftraggeber stellt offen einen Bezug zu einem Neubeginn der Menschheit her, der der Geschichte von Adam und Eva gleichkommen soll: Der Plan der Föderation ist es, die letzten gesunden Menschen von der Erde wegzubringen, der Exodus ins Weltall soll den Fortbestand der Menschheit sichern. Der Film suggeriert über eine lange Strecke, dass Flash schon zu Beginn die richtige Frau gefunden hat – wie es sich aber für eine echte Trashperle gehört, werden alle guten Ratschläge des guten alten Aristoteles (Darunter der wichtigste: Führe nie am Schluss aus dem Nichts eine wichtige Person in die Geschichte ein, auch bekannt als „deus ex machina“) in den Wind geschlagen und die Gruppe findet über einige Umwege die letzte gebärfähige Frau in einem unterirdischen Labor, in dem sie „wie Dornröschen“ komatös unter einer Glaskuppel liegt (wobei die Protagonisten dies auch explizit sagen, aber etwas leger „Dornröschen“, „Schneewittchen“ und „Die Schöne und das Biest“ durcheinander mischen). Dort wird sie nicht etwa von unserem strahlenden Helden in die Arme geschlossen, sondern von „Big Ape“, einem Affenmenschen, geschwängert (oder genauer gesagt: vergewaltigt). Ähnlich wie in „Quiet Earth“ wird hier also der multikulturelle Fortbestand der Menschheit inszeniert, der überraschend affirmativ von den anderen Protagonisten anerkannt wird. Letztendlich stirbt der Affenmensch und Flash darf die letzte gesunde Frau in den Exodus begleiten, die jedoch aufwacht ohne von der Apokalypse (und ihrer Schwangerschaft!) zu wissen.

Judith: In diesem Zusammenhang finde ich interessant, durch welche Mittel der Film – wie Christian treffend feststellt – suggeriert, Flash habe bereits ziemlich zu Beginn die richtige Frau gefunden. Die Gebärfähigkeit wird durch die Darstellung der „Anziehung“ zwischen den beiden vermittelt bzw. wird man damit auf die falsche Fährte gelockt. Das bedeutet auch, dass gesunde sexuelle Funktionen (ich gebrauche bewusst dieses zweifelhafte Wort) nicht an den reinen, mechanischen Paarungsakt gebunden sind und somit entmystifiziert würden, sondern immer noch mit „natürlichem“ Werben, dem Zauber der Liebe und Romantik verbunden werden. Der Mythos bleibt also auch in dieser Hinsicht aufrecht, wenngleich Liebe (wie wir in einer Sterbeszene erfahren) nicht mehr möglich ist. Trotzdem wird sie nach wie vor in das Gegenüber projeziert und als Teil von Menschlichkeit – zumindest bei unseren Sympathieträgern – dargestellt. Eine Kategorie wie die der „Reinheit“ kann also nicht nur auf der Ebene der Gesundheit (also der Nicht-Verstrahlung) gelesen werden, sondern könnte auch auf die Aufrechterhaltung von menschlichen Werten und Mythen bezogen werden. Meiner Meinung nach ist jene Kategorie auch das erste verbindende Element der erwähnten Sagen und Märchen von „Dornröschen, „Schneewittchen“ und „Die Schöne und das Biest“. Ein weiteres liegt im Wegfallen eines bestimmten Fluchs bzw. etwas Bösen: Belle aus dem Disney-Film „Die Schöne und das Biest“ kann beispielsweise den Fluch abwenden, der schon lange auf dem Schloss und dessen BewohnerInnen liegt, und auch die Frau aus dem unterirdischen Labor ist die einzige Hoffnungsträgerin einer sonst verlorenen Rasse.

„Fireflash“ spielt mit den verschiedenen Ausprägungen von Künstlichkeit/Natürlichkeit und Menschlichkeit im Allgemeinen. Dass künstliche Menschen oder Androide per se als Feinde angesehen werden, ist dabei ebenso von Belang wie die ständige Rezitation von Tiermetaphern: Wie Tiere werden die Gefährten mit einem Netz gefangen, und abgesehen davon, dass man in die Thematik der „Rattenfresser“ auch einen versteckten Vampirmythos konstruieren könnte, werden diese von den faschistoiden Gegenspielern wiederholt selbst als Ratten bezeichnet. Tierhaftes selbst steht wiederum oft mit Unberührtem im Zusammenhang – so werden jene beiden Frauen, die als gebärfähig gelten, als „natürliche Typen“ dargestellt.

Es wäre sicher lohnenswert, den Film bezüglich der Kategorien Mensch und Tier weiterführend unter die Lupe zu nehmen. So könnte man den Willen, Opfer für die Gemeinschaft zu bringen, als Teil von Menschlichkeit ansehen, gerade weil diese Opferhandlungen in logischer oder kämpferischer Hinsicht nicht immer notwendig sind, worin wiederum eine Art von (Kampf-)Romantik zu finden ist.

Stefan:
Tiere sind im postapokalyptischen Kino als Antagonisten der Helden ebenso essenziell wie Frauen. Die Postapokalypse schält die dünne Patina der Zivilisation von der Gesellschaft und lässt das Andere wieder als das Fremde auftauchen, das durch den „Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) wenn schon nicht zum Eigenen domestiziert, so doch aber zumindest dialektisch-politisch zum Essenziellen des Selbst geworden war. Eigentlich wird in allen postapokalyptischen Filmen das Andere gesucht und durch seine Domestikation bzw. Vernichtung die Kultur zu restatuieren versucht. Deshalb sind viele dieser Filme auf den ersten Blick so reaktionär, auf den zweiten aber auch so hilflos, denn die Frau suchen, die Ratte töten oder den Roboter entlarven ist ja nur die Verlängerung des Atomkriegs mit postapokalyptischen Mitteln. Selbst Filme, die das Thema nur insinnuieren (man denke an Carpenters „Flucht aus L. A.“: Auch da wird eine Frau gesucht – und „Snake“ ist ein Mittelding zwischen den Rudimenten der einen und der anderen Kultur, aber in keinen der beiden gern gesehen) bedienen sich dieser Motive um eine Evokation vom Ende der Welt zu erreichen.

Der Unterschied scheint mir allein gradueller Natur zu sein und damit versuche ich mal auf einen funktionalen Aspekt dieser Filme zu sprechen zu kommen. Warum machen wir uns überhaupt ein Bild vom Weltuntergang, in dem wir das, was vorher war, hyperbolisch überzeichnen und damit zeigen, dass „vor dem Knall“ dasselbe ist wie „nach dem Knall“? Für Herman Kahn und Anthony Wiener ist diese Frage schon beinahe ein Aspekt der conditio humana: „Darauf zu bestehen, daß jeder Atomkrieg unvermeidlich die totale Vernichtung nach sich ziehe, könnte selbst eine Form der Verweigerung sein, sich weiter mit realistischen Einschätzungen eines Atomkrieges, seinen Entstehungs- und Verhütungsmöglichkeiten zu befassen.“ (S. 308) Mit anderen Worten: Wir müssen uns ein Bild machen, wenn wir uns nicht der totalen (im Wortsinne) Aussichtslosigkeit der Situation hingeben wollen. Wenn wir es dann noch schaffen in dieses Bild Aspekte von Moralität einzubauen oder an der Extremsituation zu reflektieren, was es heißt ein Mensch zu sein, zu lieben, fortzubestehen etc. dann bekommen diese Filme – ganz gleich wie düster sie sind – schon beinahe einen kathartischen Effekt.

Anders als Oliver halte ich „Fireflash“ für keinen guten Film. Das hängt zum einen mit der doch etwas platten Symbolik zusammen, zum anderen mit der Ausgestaltung der Dramaturgie (Christian hat das „deus ex machina“-Problem ja schon angesprochen). Aber: Dass der Film nicht gut ist, macht ihn, meine vorherige Überlegung wieder aufgreifend, sogar besonders „gut“. Kahn und Wiener schreiben nämlich weiter: Man „kann sich des Gefühls nicht erwehren, daß eine Situation, in der es schwierig ist, Atomkriegsentwürfe zu schreiben, viel zufriedenstellender und tröstlicher ist als eine, in der überzeugende Szenarien verfaßt werden können.“ (S. 310) Das lasse man sich angesichts des Unterschiedes von „Fireflash“ zu einem Film wie „Testament“ einmal durch den Kopf gehen. Je naiver, plakativer und unrealistischer das postapokalyptische Szenario ist, desto kathartischer kann es letztlich wirken.

Oliver: Moment, ich habe gar nicht behauptet, der Film sei gut! Lediglich, dass er einer der besten seiner Art sei! Aber um meine Einschätzung von „Fireflash“ zu verteidigen: Er verweigert sich ja schon aufgrund seiner Epigonenhaftigkeit einer allzu ernsten Betrachtung. „Fireflash“ ist natürlich Trash, ein Film, dessen Budget zu klein war, um die Wirkung der großen Vorbilder wiederholen zu können. Dennoch ist er überaus kreativ. Auch wenn Vieles nicht funktioniert und plot holes Flashs Weg säumen, so scheint mir dies gegenüber dem Erfindungsreichtum Martinos vernachlässigbar. Aber auch ohne diese Relativierungen ist „Fireflash“ zu retten, denke ich. Ich glaube nämlich, es geht ihm nicht nur darum, ein mögliches Bild der Apokalypse zu zeichnen (auch wenn die Unfruchtbarkeit der Frau und die Kinderlosigkeit der Erde als Zeichen des Untergangs immerhin plausibel genug ist, dass es von Alfonso Cuaron in „Children of Men“ von 2006 wieder aufgenommen wurde), sondern vor allem darum, einen neuen Schöpfungsmythos zu schaffen. Meine These korrespondiert sowohl mit dem Haupthandlungsstrang um die Suche nach der letzten gebärfähigen Frau als auch mit den Anspielungen auf klassische Heldenmythen wie etwa Homers „Odyssee“, an deren Charakter einer Reiseerzählung (der gängigen Form des Mythos’) sich Martinos Film strukturell orientiert. Vielleicht ist es hilfreich, einmal zu zeigen, inwiefern sich „Fireflash“ von anderen Endzeitfilmen unterscheidet. Ich bin da an einem Satz von Christian hängengeblieben, der beobachtet hat, dass die Überlebenden in „Fireflash“ nach der Katastrophe nicht als erstes nach Nahrung, sondern nach Frauen suchen. Ich denke, diese Beobachtung ist nur halb zutreffend: „Fireflash“ spielt ja in einer Welt, die die Apokalypse schon ein Stück hinter sich gelassen hat, in der hierarchische Strukturen entweder überdauert oder sich bereits wieder neu formiert haben. Das zeigt sich schon an der die Geschichte in Gang bringenden Rekrutierungsszene, die nicht wenig an „Die Klapperschlange“ erinnert: Hier wie dort sucht der Staat einen Helfer, der die Dinge für ihn geraderücken soll. In Carpenters Film ist diese Szene (wie der ganze Film) vor dem Atomschlag angesiedelt, den Plissken eben verhindern soll, für Flash geht es hingegen nicht um die Abwendung der Apokalypse, sondern um die Ermöglichung des Neuaufbaus, für den es auch schon einen Plan gibt. Der Staat als Repräsentant von Ordnung und Zivilisation hat keinen Platz im Endzeitkino: In „Fireflash“ interessanterweise aber schon. Die noch immer mordend durch die Städte ziehenden Armeen der Euraker stellen die Verbindung zur Welt der Vergangenheit her, die von den überlebenden Anführern der Panamerikaner betriebene Raumstation im Eis von Alaska fungiert hingegen schon als Tor zur Zukunft: „Fireflash“ spielt in einer Welt des Unentschieden, in einem Limbo mit der Potenz zum Guten wie zum Schlechten. Diese Unentschiedenheit gibt es in anderen Endzeitfilmen nicht. Zwar verfolgen auch die Protagonisten in „Mad Max – Der Vollstrecker“ ein Ziel, doch ist dieses ein eher kurz- oder mittelfristiges. Das Interesse seiner Protagonisten ist zunächst, das eigene Überleben zu sichern, und nicht das Fundament für eine neue Welt zu legen. Das ist ja gerade eine Grundaussage des Endzeitfilms: In einer Zeit, in der Gesetze und gesellschaftliche Normen keinen Bestand mehr haben, geht es um das nackte Überleben. Aber Flash mag noch so sehr den badass geben: Im Kern ist er Idealist.

Christian: Der Vergleich der Heldentypen, den Oliver hier anstößt, ist wirklich ergiebig. Während Mad Max in den drei Filmen eine Entwicklung vom Idealisten zum desillusionierten Einzelgänger und zurück durchläuft (inklusive moralischer Verrohung: Teil 2 beginnt damit, dass er für eine Dose Hundefutter zur Not auch töten würde), bleiben Snake Plissken und Flash vordergründig sich selbst treu. Snake Plissken erledigt seinen Job, um seine eigene Haut zu retten, zerstört aber das Band, das eigentlich Ziel der Rettungsaktion war – er bleibt tatsächlich zwischen den Fronten und gibt keiner den Vorzug, könnte man sagen. Flash hingegen ist zwar ein vordergründig netter Idealist, der aber kein wirkliches moralisches Rückgrat hat: Er lässt zu Beginn zwar die gewonnene „Frau“ frei, allerdings wird man den Eindruck nicht los, dies geschieht, weil es ein Hermaphrodit ist, mit dem der „männliche“ Flash nichts anfangen kann. Seine Gleichgültigkeit kann einem am ehesten auffallen, wenn man die Szene betrachtet, in der er zwei Verunglückte erschießt, weil sie „ohnehin bald gestorben wären“ – immerhin hat er drei Münzen gewonnen, die ihm erlauben, drei Menschen zu töten, warum sie also nicht gleich ausgeben? Zwar kämpft er um die Frau, die sich für ihn opfert („Ich sterbe für Dich.“ „Du hast mir gezeigt, was es bedeutet ein Mensch zu sein.“), allerdings scheint ihn weder das noch die Vergewaltigung der gesunden Mädchens wirklich zu stören. Das soll keineswegs Flash gegenüber anderen „Helden“ abwerten, sondern noch einmal darauf hinweisen, dass die Markierung als „trash“ auf allen Ebenen zutrifft: Nicht nur die Ausstattung, auch das Spiel der Akteure ist mehr als vordergründig und durchschaubar inszeniert. Das lässt mich auf Stefans These zurückkommen, dass einfache Szenarien eventuell eher als komplexe und realitätsnahe dem Zuschauer die Möglichkeit der Katharsis ermöglichen. Ich glaube, dass „Fireflash“ einem keine Möglichkeit der Katharsis bieten kann (was der Film auch meiner Ansicht nach gar nicht möchte!), da auch kein ernstes Leid gezeigt wird, mit dem der Zuschauer mitfühlen und von dem er schlussendlich „entlastet“ werden kann. Damit ist für mich „Fireflash“ auf einer Ebene mit „Die Klapperschlange“ – mag Manhattan postapokalyptisch aussehen, aber eigentlich ist das apokalyptische bzw. postapokalyptische Szenario nicht zwingend notwendig, um den Plot voranzutreiben. Darin liegt meines Erachtens der Unterschied zwischen Filmen, die sich der Postapokalypse als Thema widmen und denen, die sie „nur“ als Hintergrund benutzen, um Actionkino hineinzumontieren.

Judith: Ich stimme Christians Einschätzung bezüglich der Funktion der Weltuntergangshandlung hier zu. Das postapokalyptische Szenario als Subthema bietet darüber hinaus eine gute Folie, um die von Oliver konstatierte Unentschiedenheit des Films zum Ausdruck zu bringen, was sowohl zeitlich als auch moralisch im Hinblick auf die Figurenzeichnung zutrifft. Dass sich dieser Eindruck auch visuell widerspiegelt, werte ich als Kalkül: Die Vermischung der Stile, z.B. von Archaischem und Futuristik, wird durch die Ausstattung der Figuren vorgeführt. Primitive Waffen und Pferde stehen neben den neuesten Computertechnologien und Genforschung und vereinzelte ProtagonistInnen mit Punk-Einschlag erinnern in diesem Setting an das Steampunk-Genre. Auch Elektronische Foltermittel entpuppen sich als altbewährte Streckbank mit Computerstimme, was einerseits rein parodistisch aufzufassen sein mag, andererseits auch auf den Topos bleibender, zutiefst menschlicher Strukturen verweist. Die Rittermetaphorik und das Heldentum, das damit zwangsläufig verknüpft ist, steht der schon angesprochenen fehlenden moralischen Überzeugung, die zur Darstellung des Heroischen notwendig wäre, entgegen. Es fehlt eine Identifikationsfigur, was insbesondere schade ist, da Flash ja „von außen“, d.h. einem Leben außerhalb des vorherrschenden, staatlich dominierten Handlungskreises, eingeführt wird, was ihn eigentlich als „anders“ kennzeichnet. Die Bewegung des Protagonisten, der aus einer äußeren (die Wüste Nevadas) in die eigentliche und fokussierte Welt eintritt, initiiert die Ereignisstruktur. Wo üblicherweise nun eine Änderung der Weltstruktur zu erwarten wäre (der Protagonist ist zu schal und gleichgültig gezeichnet, als dass eine tatsächliche Änderung seiner Merkmale festzustellen wäre, was meines Erachtens nach auch einer der größten Schwachpunkte des Films ist), tut sich – sieht man vom Auffinden der letzten gebärfähigen Frau ab – abseits von Action- und parodistischen Pathos-Szenen wenig.

Dass sich Strukturen wiederholen und am Ende wieder die Mythen des Anfangs herrschen, zeigt sich auch in einem ideologischen Zusammenhang: Gerade weil hier der Staat als Repräsentant von Ordnung eine tragende Rolle spielt, ist man immer wieder versucht, die Funktion des faschistisch dargestellten Regimes, das eine neue Rasse begründen will und die strenge Unterscheidung von Verseuchten und Nicht-Verseuchten, die Natürlichkeit der gebärfähigen Frauen, die Androhung einer totalen Desinfektion (es erscheint mir auch signifikant, dass Flash keine andere Alternative sieht und er sich für einen der raren Plätze auf dem Raumschiff entscheidet) sowie Stilmittel wie schwarze Uniformen auf deren Funktion für die Gesamtaussage des Films zu hinterfragen. Abseits dieses Zitierens von menschlichen Mythen und Herrschaftsstrukturen denke ich aber nicht, dass der Hauptzweck des Films die Kritik oder Abbildung gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dennoch setzt er – trotz seines Trashcharakters – Denkprozesse in Gang, was ein Grund ist, warum er neben dem für GenreliebhaberInnen relevanten Zitatreichtum trotz allem Spaß machen kann.

Stefan: Mir bleibt das Schlusswort. „Fireflash“ scheint eher ein Film zu sein, der Überlegungen anstößt als dass er selbst welche „enthält“. Das ist ja vor allem vor dem Hintergrund „unseres Themas“, der Postapokalypse, eine nicht zu unterschätzende Funktion. Die Stereotype sowohl in Figurenzeichnung als auch in Plotkonstruktion sind es, die diese Schnittstellen liefern. (Ohne den Diskurs jetzt hier fortsetzen zu wollen, meine ich, dass solche Überlegungen auch auf eine Katharsis der Meta-Ebene hinauslaufen können.)

„Fireflash“ kann aber mehr als das: Er ist, wie Judith das angeschnitten hat, auch eine Art Fossil, das bestimmte Stile und Vorstellungen seiner Entstehungszeit transportiert. Als solches kann selbst der trashigste Science-Fiction-Film zum Gegenstand von Mentalitätsstudien werden. Umgekehrt zeigt uns der Film damit, wie wir auf überkommene Stile und Erzähltechniken heute reagieren – es ist ja durchaus vorstellbar, dass selbst ein günstig produzierter Film wie dieser „seine Zeit“ hatte. Das wird schon dadurch plausibel, dass es so unglaublich viele dieser Filme in den 1980er Jahren gegeben hat.
In der kommenden Folge unserer Filmgespräche wollen wir uns deshalb noch einmal dorthin zurück begeben und dann auch den anderen „Himmelhund“, Marcos Ewert, zum Dialog mit uns einladen.

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2 Responses to Der Tag nach dem Ende

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