Nachdem ich schon über die TV-Serie Jericho kurz berichtet hatte, kommt nun mein Eindruck der in Deutschland verfügbaren Staffel 1 (Staffel 2 besteht nur noch aus 7 Folgen, danach wurde die Serie eingestellt).
Im Radio läuft in der ländlichen Szenerie der USA ein Bericht über Spannungen (die Aufmerksamen erinnern sich an The Day After und Threads). Schon in der ersten Folge, „Die ersten 17 Stunden“, wird deutlich, dass der biblische Bezug des Names „Jericho“ ein oberflächlicher bleiben wird. Nach den obligatorischen Störungen der Kommunikationsmedien, die das Unheil ankündigen, sehen verschiedene Anwohner des Ortes einen Atompilz am Horizont in die Höhe steigen.
Die Explosion wird in Denver, der nächstgelegenen großen Stadt, vermutet. Die Behörden sind gleich alarmiert, schon hier wird „We are under attack“ auf das amerikanische Trauma 9/11 bezogen (und gleich relativiert: Der Bürgermeister will erst einmal herausfinden, ob es nicht ein Unfall war). In kurzen Einstellungen wird abwechselnd das Schicksal einzelner, von Familien, aber die Geschicke des Ortes als soziales Gefüge gezeigt. Das Thema „Hilfsbereitschaft“ steht augenblicklich im Raume, es wird gleich überlegt, ob man Überlebende von außerhalb überhaupt aufnehmen möchte.
Vom Schicksal des restlichen Amerikas erfahren die Protagonisten nur durch eine mediale Umleitung: Die Eltern eines Jungen hatten kurz vor ihrem Tod durch eine andere Atomexplosion (Atlanta wurde auch getroffen) auf den Anrufbeantworter ihres Zuhauses gesprochen, der Anrufbeantworter hat quasi ihre „Auslöschung“ gespeichert, die im Kreise der Menschen abgespielt wird. Hier macht die Serie auch gleich deutlich, dass sie sich nicht um die „normalen“ Menschen in Jericho schert, sondern die Protagonisten als einzig entscheidungs- und handlungsfähige Wesen in den Mittelpunkt stellt.
Das Ende von Folge 1 deutet an, dass die Menschen schon jetzt Angst vor Ressourcenknappheit haben (man bedenke: in Jericho ist noch nichts passiert!) – technische und soziale Probleme kündigen sich an.
Folge 2, „Fallout“, beginnt damit, dass alle Bürger in die Bunker müssen, weil angekündigter Regen radioaktiven Fallout mitbringen soll. Die Folgen der Strahlenkrankheit werden mündlich beschrieben, es wird Ratgeberliteratur ausgegeben („Our Friend the Atom“!). Wie wir später sehen werden, kann man ein einfaches Verständnis von Fallout noch weiter runterbrechen …
An dieser Stelle haben die Macher bzw. Drehbuchschreiber angefangen, nur noch LOST zu schauen, denn es geht in Folge eigentlich nur noch am Rande um das an sich schöne Grundsetting. Gegen Ende der Folge wird die Figur Hawkins, der mit seiner Familie erst kurz vor dem Unglück in die Stadt gekommen ist, ins Rampenlicht gerückt: Er schließt sich der Polizei an, hört dort aber Funksprüche ab, die er nicht weitergibt. Wie sich herausstellt, weiß er mehr als die anderen und besitzt unter seinem Haus einen geheimen und gut ausgerüsteten Bunker, in dem er eine Karte hat, die alle Bombenstandorte zeigt.
Folge 3, „Die apokalyptischen Reiter“, zeigt Hawkins dann auch bei einer geheimen Aktion, bei der er einen Schutzanzug trägt.
Mittlerweile ermöglicht ein Generator, eine Endlosschleife einer Fernsehübertragung zu empfangen, es ist aber unklar, ob China die USA angegriffen hat oder ob die chinesische Übertragung nur darüber berichtet.
Obwohl die Bewohner Jerichos eigenartig wenig Interesse am Kontakt nach außen haben, sichern sie ihre Grenzen und finden die Reste der zivilisierten Transportmöglichkeiten – der Film weist in Folge häufig auf Flugzeuge hin, die im „Nichts“ landen mussten.
Die Folge endet, anders als man es sich denken und wünschen kann, mit einem Grillfest der Bewohner.
Folge 4, „Die Mauern von Jericho“ (und das war es dann auch mit den biblischen Flachköppern), zeigt die häufig frequentierte Bar des Ortes, in dem die Menschen sich immer wieder die gleichen Bilder der Zerstörung anschauen, die mittlerweile gesendet werden. Die ständigen Stromausfälle zeigen dabei in einfachster Bildsprache, dass ausgerechnet der einzige funktionierende Fernseher (der den elektromagnetischen Puls, EMP, überstanden hat) in der Bar, der Mittelpunkt des sozialen Lebens geworden ist.
Ein strahlenkranker Fremder trifft im Ort ein, der als Sinnbild dafür genommen wird, dass sich die Welt geändert hat. Es herrscht nun Ausnahmezustand, aber die Bürger Jerichos gehen immer noch normal einkaufen (zumindest vorläufig).
Obwohl Jericho gar nicht betroffen war, fehlt es der ansässigen Klinik an Personal und an Material – was dazu führt, dass eine Ärztin (eine der Protagonistinnen) und ein Beatmungsbeutel reichen müssen, um Jericho zu versorgen. Wer ab hier die Serie in Begleitung medizinischen Fachpersonals schaut, hat definitiv den doppelten Spaß – nein, was haben wir gelacht.
Während sich im Ort Party (die jungen Leute, deren Eltern fort waren und nicht zurückgekehrt sind, feiern das angemessen) und Kampf ums Überleben noch die Waage halten, beginnt der Fremde eine neue Rolle zu spielen: Er soll gefoltert werden, da man vermutet, dass er mehr weiß, als er zugeben will – tatsächlich ist er mit Hawkins bekannt und tauscht mit diesem Informationen aus.
Die Leitung Jerichos versucht, die Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu rücken: „Es geht nicht nur ums Überleben – es geht um unsere Menschlichkeit.“
„Reaktionen des Staates“ ist die fünfte Folge betitelt, an deren Anfang eine Nachricht des Ministeriums für Heimatschutz über alle Telefone übermittelt wird (der Strom geht zu diesem Anlass natürlich). Auch alle Laptops bekommen die Nachricht „Emergency Alert“ eingeblendet (und warnen dadurch eher den erfahrenen Fernsehzuschauer, weiterzuschauen).
Insgesamt werden in dieser Folge viele diffuse Verschwörungstheorie- bzw. LOST-Elemente aufgegriffen, dazu kommt eine gute Prise Gilmore Girls, Heroes und A-Team (ja, es ist wie ein Autounfall, man will nicht hinsehen, aber man will auch nicht wegsehen).
Spätestens hier fragt man sich: „Warum fährt denn niemand einfach in den nächsten Ort?“ Die Autos funktionieren nämlich eigentlich alle noch, nur das Benzin wird knapp – da haben die Autoren wohl ihre breit ausgewalzte EMP-Idee wieder vergessen.
Meine Lieblingssatz dieser Folge ist wohl: „Ich frag mich, wo Lindsay Lohan gerade ist … ob sie noch lebt?“
Folge 6, „9:02“, beginnt damit, dass die Bewohner Jerichos den Abschuss von Raketen beobachten. „D. h. wir haben Krieg“, schlussfolgert einer der Protagonisten sinnreich. Der Zuschauer dachte ja eigentlich schon von Anfang an, das Krieg ist. Nun ja, jetzt haben die Autoren wenigstens einen Anlass, das wohlgeordnete Jericho langsam dem Chaos zu übergeben und die Figur der gekünstelten Anarchie einzuführen.
Als wollte man sich selbst parodieren beginnt Folge 7, „Lang lebe der Bürgermeister“, mit einer Halloween-Party.
In Folge sieht man, dass die Bewohner sich mittlerweile (dank Farmen) selber versorgen – leider haben die Autoren hier vergessen, dass der Regen doch den Fallout mitgebracht hatte. Macht nichts, der Mais war ja durch Blätter geschützt, die Kühe, die noch frische Milch liefern, hatten wahrscheinlich Top Secret gesehen und trugen Gummistiefel (das Konzept von Radioaktivität hat auf jeden Fall jemand NICHT verstanden…).
Im Verlauf der Folge taucht dann doch mal ein Scout auf, der offensichtlich ausgeschickt wurde und berichtet davon, dass z. B. New York nicht zerstört wurde. Man erfährt, dass es wohl keinen Krieg gab, sondern Terroranschläge Ursache waren. New York konnte wegen der Vorsichtsmaßnahmen nach 9/11 gerettet werden.
Mittlerweile gehen Jericho die Medikamente aus, also starten doch zwei der Protagonisten, um „draußen“ zu suchen.
Folge 8, „Rogue River“, zeigt Figuren in eine postapokalyptische Straßenszenerie montiert. „Das ist jetzt die Welt, in der wir leben.“ Sie kommen zu einer leeren Stadt, treffen aber bald auf herumstreunende Söldner, die auf eigene Rechnung arbeiten und die ersten Referenzen zum Irakkrieg aufmachen (später folgen Referenzen auf so ziemlich alle Kriege, die die USA je geführt haben).
In einem anderen Handlungsstrang wird offenbar, dass Hawkins beim FBI ist und undercover ermittelt hat.
„Die Brücke“, Folge 9, zeigt die Jericho-Bewohner dabei, wie sie die Stadt gegen die aufgebrachten Söldner schützen. Das führt dazu, dass man sich dafür entscheiden muss, entweder eine wichtige Brücke zu sprengen oder weiterhin in Gefahr zu schweben. Ständige Phantasien einer Protagonistin, die eigentlich am Tag der Bombenexplosionen hätte heiraten sollen, zeigen, dass der veränderte Verlauf des Lebens dazu führt, die Zukunft zu hinterfragen.
Folge 10, „Hilfe von oben“, zeigt die Bewohner, wie sie Thanksgiving feiern. „Es gibt Dinge, die auch die Apokalypse nicht ändern kann.“ Wie zur Belohnung dieses Optimismus erscheinen Flugzeuge am Himmel, die Hilfsgüter abwerfen. Allerdings liegen den Gütern chinesische Flugblätter („Do not fight“-Propaganda) bei, was erst einmal zu Misstrauen führt. Tatsächlich werden gleich Erzählungen von Vergiftungen und der taktischen Verseuchung der Indianer durch die Briten in Umlauf gebracht.
Folge 11, „Vox Populi“, zeigt wieder die gewohnte Flachheit, die Menschen schälen Kartoffeln, essen, reden usw. Angesichts der ständig in LOST-Manier eröffneten Baustellen ist das nicht so richtig passend, beflügelte meine Frau (die sich die gesamte Serie mit angetan hat, danke an dieser Stelle dafür!) zum legendären und titelgebenden Ausruf:
„Die Welt ist erst untergegangen, wenn die Kartoffeln die Menschen schälen!“
Recht hat sie, weiter mit Folge 12, „Der Tag davor“. Ein Rückblick zur Geschichte vor den Bombenexplosionen zeigt die Planung der Terroranschläge, bei denen Hawkins eine nicht ganz klare Rolle spielt.
Folge 13, „Black Jack“, versucht sich in der Darstellung der winterlichen Energieprobleme – es gibt die ersten Erfrorenen (außerhalb des Bildschirms, versteht sich). Eine Freundin, Kollegin oder Komplizin von Hawkins, so genau lässt sich das noch nicht sagen, erscheint auf der Bildfläche. Jericho beginnt, mit der Nachbarstadt (aha, es gibt sie doch) zu handeln, allerdings gelten dort wesentlich undemokratischere Regeln – alles erinnert einen ein wenig an Bartertown aus Mad Max 3. Dort finden die Protagonisten allerdings eine erste kommunikative Meldestelle, die sie über den Stand der USA informiert. Anscheinend gibt es viele Territorien und sechs Präsidenten.
Folge 14, „Ein harter Winter“, zeigt das spurlose Verschwinden der Tiere. Zwar gab es ja mal Fallout, aber jagen geht ja trotzdem (Wild steht auf der Speisekarte, wir empfehlen dazu Pilze …). Eine vermüllte Stelle in der Wildnis bringt die Protagonisten (die ständig ihre Zusammensetzung wechseln, was aber eigentlich unwichtig für den Fortgang ist) auf die Spur eines Massenexodus (das Biblische wurde von mir hineininterpretiert).
In dieser Folge holt die Protagonisten ihre Vergangenheit, darunter Jake der Irakkrieg.
Es wird außerdem klar, dass Schnee – anders als Regen – kein Fallout ist (man erinnere sich an The Day After und den „Fallout-Schnee“!).
Folge 15 „Semper Fidelis“ bringt einen Konflikt zum tragen, nämlich die Ressourcenknappheit, die die Bürger überlegen lässt, aufgenommene Flüchtlinge auszustoßen, weil sie sie nicht miternähren können. „Wer als letzter kommt, muss als erster gehen.“ (Sic! Vgl. das „First in, first out“ der Lagerhaltung).
Es scheint aber Rettung zu nahen, da eine Truppe Marines einmarschiert, die baldige Rettung ankündigt. Nach langen „Gott sei dank gibt es die Marines“-Tiraden kommen die denkenden Protagonisten aber dahinter, dass die Marines nur Fake sind und sich von den Bürgern Jerichos aushalten lassen. Entlarvt und übermannt geben die angeblichen Marines klein bei: „Das ist keine Uniform, das ist ein Kostüm.“, gibt der Anführer der Gruppe zu. Zur Belohnung bekommt Jericho die Waffen der Marines, darunter einen echten Panzer.
Folge 16, „Der Deal“, dreht sich zum einen um die Verhandlungen Jerichos mit der Nachbarstadt New Bern, die wertvolle Windturbinen liefern können, zum anderen spielt die Handlung wieder im unterbesetzten („Where have all the nurses gone?“) Krankenhaus. Die einzige Ärztin der Serie lässt sich quasi aus der Serie herausoperieren.
Folge 17, „Sie oder wir?“, macht seinem Titel alle Ehre. Die Flüchtlinge sollen endgültig gehen, es kommt zum Aufstand. Zugleich fliegt der verheimlichte Militär-Fake auf, die Hoffnungen der Bürger sind dahin. Die Menschen sind jetzt so wild darauf, ihr Überleben zu sichern, dass sie sogar auf benzingetriebene Pferde umsteigen.
Eine Radionachricht, dass die Terroristen der Bombenanschläge gefakte FBI-Leute sein sollen, lässt Hawkins wieder unter Verdacht geraten.
Folge 18, „Die Wahrheit“, beginnt damit, dass Emily wieder ihre Rolle als Lehrerin übernimmt und den Jugendlichen etwas beibringen will. In der ersten Stunde, die bald jäh beendet werden wird, spricht sie über die USA: „Vor fünf Monaten hat diese Karte noch unser Land gezeigt…aber jetzt ist sie eine Antiquität.“
Hawkins’ Rolle erhält einen weiteren Twist, indem er als CIA-Agent dargestellt wird, der die Gruppe der Terroristen infiltrieren sollte – daher hat er auch einen der Sprengsätze mit nach Jericho gebracht.
In seinem Keller findet Jake auch eine Karte, die die potentiellen Fallout-Zonen in einem solchen Szenario zeigt. Jericho ist einer der wenigen Orte, die verschont bleiben sollten – was sich ja bewahrheitet hat.
Folge 19, „Casus Belli“, schickt zwei der Protagonisten nach New Bern, wo einige ihrer Mitstreiter verschollen sind. Die dortige Fabrik entpuppt sich als Munitionsfabrik, die New Berner rüsten gegen Jericho auf, um an deren Ressourcen zu kommen. Interessant ist hier, dass New Bern als „böse“ dargestellt wird, jedoch in beiden Städten Polizisten ihren Dienst tun. Sie gehorchen jedoch keinem allgemeinen Gesetz mehr wie früher, sondern dem jeweiligen Stadtrecht! Dabei werden auch die unterschiedlichen Gesellschaftsformen der beiden Städte, offene vs. geschlossene Gesellschaft, deutlich gegeneinander aufgewogen.
Folge 20, „Die Befreiung“, zeigt den Übergriff von New Bern auf Jericho. Der Kampf ums Überleben, so die Message, bringt auch die eigentlich Vernünftigen dazu, aggressiv, misstrauisch und eigensüchtig zu sein.
Im Folgenden geht es vom anklingenden Krimi-Setting direkt zum Kriegsfilm und unsägliche Verhandlungen über Gutheit und Moral anhand einzelner Schicksale. Zwar hat jeder irgendwelche eigenen Beweggründe, jedoch zeichnet die Serie das trotzdem sehr schwarz/weiß.
In Folge 21, „Der Kampf beginnt“, fordert New Bern die Kapitulation Jerichos und will andernfalls einmarschieren.
Die folgenden Mörser-Angriffe auf Jericho lassen letzteres auch endlich mal postapokalyptisch aussehen. Jetzt ist Bürgerkrieg, ehemalige Nachbarn werden zu Feinden (ja, wie viel Klischees pro Minute ist eine gute Fragestellung).
In der abschließenden Folge 22, „In letzter Sekunde“, rückt New Bern auf Jericho vor.
Während die Bewohner Jerichos sich auf ihre Ahnen berufen, trifft 60 Meilen entfernt eine Bewohnerin Jerichos auf das „echte“ Militär.
Jericho verteidigt eine wichtige Farm, benutzt dabei den liegengebliebenen Panzer der Fake-Marines. Die Folge und damit Staffel 1 endet mit einem Cliffhanger, nämlich der Frage, ob das echte Militär rechtzeitig Jericho zur Hilfe kommen wird.
Dabei werden noch zwei wichtige Infos gestreut: Der Militärchef hat auch etwas mit der Verschwörung zu tun und die neuen Vereinigten Staaten haben einige Bundesstaaten weniger (21?), wie man auf der neuen Flagge sehen kann.
Über Feedback, ob es Euch was gebracht hat, dass ich mich durch Jericho geschleppt habe, würde ich mich sehr freuen! (whomever it may concern
)



















Ganz bis zum Ende der ersten Staffel habe ich es nicht geschafft, irgendwann war es mir dann doch zu doof – aber danke für die schöne Zusammenfassung!
Schade, dass die eigentlich spannende Ausgangsidee so unbefriedigend ausgespielt wird und die Serie eher Soap-Qualitäten bekommt mit den vielen platt-romantischen Subplots: eigentlich eine amerikanische Kleinstadtserie wie jede andere auch, nur dass hier die Bewohner ihren Ort eben wegen des Weltuntergangs nicht verlassen können und nicht aus anderen ähnlich fadenscheinigen Gründen.
Amüsant finde ich vor allem die ganz neue Perspektive auf die Zeit nach einem Atomkrieg: Die üblichen Folgen – Fallout, Krankheiten, Mutationen, mangelnde Nahrungsmittel etc. – spielen nur noch eine sehr periphere Rolle und werden eher pflichtbewusst erwähnt, dafür treten die persönlichen Konflikte etwa zweier Kandidaten für das Bürgermeisteramt oder die Midlife-Crisis einer der Hauptfiguren in den Vordergrund. Die Versuche der Serie, sich einerseits deutlich in der amerikanischen Realität des beginnenden 21. Jahrhunderts (die ständigen Bezüge zu Irakkrieg und 9/11) und andererseits in einer komischen Phantasiewelt zu positionieren, wirken ziemlich schnell nervig und bemüht: So wird ernsthaft erwogen, China könnte nicht nur FBI und CIA unterwandert haben, um auf diese Weise Atombomben in amerikanischen Großstädten zu zünden, sondern auch noch vergiftete Lebensmittel für die Überlebenden abwerfen?? Man wird das Geühl nicht so richtig los, dass der einzige Grund dafür, dass ständig in letzter Sekunde verhindert wird, dass das Geheimnis sich lüftet (EMP…), darin liegt, dass sich die Macher der Serie selbst keine Weltverschwörungstheorie ausdenken konnten, die all diese Absurditäten plausibel machen könnte.
Politisch bzw. ideologisch ist das Ganze erstaunlich reaktionär, und zwar nicht nur, weil die Folgen eines Atomkrieges verharmlost (ach was: verniedlicht) werden: Auffällig ist, dass die “Koalition der Willigen” überhaupt keine Rolle spielt, obwohl die Angriffe offenbar ausschließlich Amerika galten. Europa wird eigentlich überhaupt nie erwähnt – im Zweifelsfall ist die amerikanische Gesellschaft, deren (ethnisch stark reduzierten) Zerrspiegel der Mikrokosmos Jerichos wohl darstellen soll, eben doch ganz auf sich alleine gestellt. Zur Not werden daher auch mal die einzigen Brücken zum Ort gesprengt, wenn sonst das Elend aus der Peripherie ins Zentrum zu rücken droht – Hauptsache, zu Halloween gibt es (nuklear verseuchte?) Kürbisgeister und die Regale des Supermarkts bleiben gefüllt. Trotz aller persönlicher Spannungen zwischen den einzelnen Dorfbewohnern bleibt im Großen und Ganzen doch klar, dass es sich hier um anständige Menschen handelt, die nur ausnahmsweise mal einen Gegner foltern, wenn die Situation wirklich einfach keinen anderen Ausweg mehr zulässt. Die direkten Nachbarn und früheren Freunde arbeiten heimlich schon an den Waffen, mit denen die Mauern Jerichos zerstört werden sollen (so bibelfest scheinen die Macher dann ja doch nicht zu sein, oder ist es Absicht, dass Jerichos Mauern in der Serie verteidigt und eben nicht eingerissen werden müssen?), was einen leicht revisionistischen Beigeschmack hat: Die Protagonisten finden bei der heimlichen Inspektion der angeblichen Windmühlenfabrik im Nachbarsort tatsächlich die “rauchenden Colts”, die die Waffeninspekteure im Irak vergeblich gesucht haben…
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