Im Jahre 1993 hat auch die Landesregierung Nordrhein-Westfalens beschlossen ihren Ausweichsitz – wie viele andere Landesregierungen Deutschlands zur selben Zeit – aufzugeben. Einige der Atombunker, deren Lage teilweise so geheim gehalten wurde, dass nicht einmal der Bund die genauen Standorte erfahren hat, sind in der Planungsphase stecken geblieben, andere nie zu Ende gebaut worden. Der Atombunker nahe des Örtchens Urft in der Eiffel ist jedoch voll betriebsfähig gewesen.
Nach dem Aus für den Schutzraum hat sich der Schwiegersohn des damaligen Hausmeisters entschlossen, den Bunker mitsamt dem Areal drum herum dem Land abzukaufen. In Düsseldorf nahm man dieses Angebot nur allzu gern an, würde es doch die erheblichen Abrisskosten vermeiden. (Beim Rückbau des Atombunkers der Bundesregierung in Ahrweiler sind hier noch einmal zweistellige Millionenbeträge geflossen). Der seitdem in Privatbesitz befindliche Bunker ist über Jahre hinweg eine Art privater Spielplatz für den pensionierten Hausmeister gewesen, der das Inventar sorgsam gepflegt hat. Vor einigen Wochen nun hat sich der Besitzer entschlossen, das Gebäude zusammen mit der Ahrtal-Touristik, die auch den Ausweichsitz der Bundesregierung in ein Museum umgewandelt hat, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Bevor der Bunker im Sommer dieses Jahres seine Pforten öffnet, sind – quasi als Testlauf – bereits einige Führungen durchgeführt worden. Der Grund dafür liegt einerseits in der Erprobung eines Führungskonzeptes (weniger erklären, mehr erleben), andererseits darin herauszufinden, ob die durch die Atemluft in den Bunker eingebrachte Feuchtigkeit wieder so weit daraus zu entfernen ist, dass keine Schimmelschäden (wie in Prenden) zu befürchten sind. Mit Patrick Baum war ich am vergangenen Sonntag bei einer Doppel-Bunker-Führung, die uns zuerst noch einmal in den Ausweichsitz der Bundesregierung und dann zum NRW-Bunker nach Urft geführt hat. Hier die kleine Fotodokumentation unserer Tour. Zunächst noch einmal ein paar Bilder aus Ahrweiler (alle Fotos zum Vergrößern anklicken):
In Ahrweiler hat sich viel getan: Etliche original Bunker-Utensilien, die letztes Jahr noch gefehlt haben, sind dem Museum zurückgegeben worden. Darunter befindet sich haufenweise Technik, wie hier die Ausstattung einer Fernschreiber-Zentrale, durch die Tickermeldungen in den Bunker hinein und aus ihm hinaus geschickt wurden.
Geigerzähler (links) und andere Utensilien zum Strahlen- und Fallout-Schutz.
Notlicht und Megaphon, Essgeschirr und das explosionssichere Telefon.
Ein rekonstruiertes Büro. Die Breite der Schreibtische und die Anzahl der Schubladen (zwei oder drei) sagte bereits, ob es sich um ein Büro eines höheren oder niedrigeren Mitarbeiters handelt.
Zwar gab es im Bundes-Bunker zumeist Armee-Futter-Rationen (in NRW wurde wesentlich mehr mit Konserven gekocht), dafür hatte der Ahrweiler Bunker jedoch ein eigenes Kinoprogramm, für das die Essräume benutzt wurden. Interessant natürlich, was da so gelaufen ist: “War Games”, “Die Glücksritter” und “L.I.S.A. – Der helle Wahnsinn” – Oh ihr schönen 80er!
Der Ausweichsitz der Nordrhein-Westfälischen Landesregierung in Urft:
Mit dem Bus hat es etwa eine Stunde von Ahrweiler nach Urft gedauert. Genauso wie der Bundes-Bunker ist auch der NRW-Bunker unter einer natürlichen Schutzschicht – Felsgestein – verborgen. Anders ist hier jedoch, dass man nicht in den Bunker hinab, sondern zu ihm hinauf steigt – Der Eingangsbereich ist auf der Mitte einer Anhöhe:
Der Bunker-Zugang ist als Garage getarnt. Im mittleren Bild sieht man die Beton-Außenhülle des Zugangsbereiches. Der Bunker-Führer erzählte die Anekdote, dass der Bunker aufgrund eines falsch ausgefüllten Formulars von einem Malereibetrieb mit der falschen Außenfarbe versehen wurde: Rosa! Der Fehler wurde natürlich innerhalb weniger Zeit behoben, aber ein rosafarbener Bunker ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn Douglas Adams’ Technologie des “Problem anderer Leute”-Feldes aktiviert ist.
Was es in Ahrweiler in dieser Form nicht mehr zu sehen gibt, sind die Sandfilter, die die radioaktiv verseuchte Luft vorfiltern, bevor sie im Bunker weiter aufbereitet wird. Dabei handelt es sich um meterhohe Aufschüttungen trockenen Sandes, durch den die Außenluft von unten angesogen wird.
Die Drucktüren im Bunker-Eingangsbereich sind mit einem Quetsch-Schutz (rot-ummantelter Metallrahmen) versehen, der verhindert, dass man verletzt wird, wenn man in den Bunker hinein oder aus ihm hinaus will, während sich die Tür schließt. In Ahrweiler existiert dieser Schutz nicht, macht er es doch möglich, dass jemand die Tür offen hält, um weitere Menschen – die eventuell verstrahlt sind – in den Bunker hineinzulassen. Das Schleusensystem, nachdem sich erst eine Tür öffnen lässt, wenn die vorherige verschlossen ist, wird durch diesen Quetsch-Schutz eigentlich obsolet.
Zu erwähnen ist noch, das die Türen bis zur Eröffnung alle wieder in Betrieb genommen werden sollen. Eine hat bereits funktioniert und konnte von uns per Druck auf den roten Knopf geöffnet und geschlossen werden.
Zu den beeindruckendsten Ausstellungsstücken des Bunkers gehört sicherlich die Fernmelde-Technik, die teilweise noch aus Mitte der 1960er-Jahre stammt. Oben links sieht man Wählscheiben-Telefone mit “Headset” und separater Ohrmuschel, in der Mitte einen Vermittlungsschrank, rechts einen geöffneten Vermittlungsschrank. Diese Technik diente zumeist der bunkerinternen Kommunikation, weil verhindert werden sollte, dass im Komplex herumgelaufen wird. In jedem Raum befindet sich daher mindest ein Fernsprecher. (Ausnahme die Telefone oben links, die auch einen Draht zur Außenwelt bereithielten, über den mit Bundes- und Landesbehörden Kontakt aufgenommen werden konnte.)
Weitere Kommunikations-Artefakte – links etwa Telex/Fernschreiber-Geräte
Dieser kleine hellgraue Metallkasten befand sich zur Zeit des Kalten Krieges in vielen öffentlichen Gebäuden und Unternehmen. Über ihn gelangten die ersten Hinweise über ABC-Angriffe in die Bevölkerung. Diese Aufnahme stammt aus der Zentrale für die Annahme Weitergabe des Kriegsgeschehens. Darin befindet sich auch ein Leucht-Kartentisch auf dem der heutige Bunkerbesucher einen Eintrag vornehmen kann.
Sehr spannend auch die “WaDuForm”-Formulare, über die standardisiert Informationen über Art und Umfang des Angriffs informiert wurde. Schaut man sich den Lückentext der Formblätter einmal an, sieht man sehr deutlich, wie die Katastrophe durch Bürokratisierung “rationalisiert” wurde.
In verschiedenen Räumen befindet sich noch Ausstattungsmaterial wie Gasmasken oder Reinigungsmittel. Ganz besonders skurril ist eine Sammlung eingepacktes Toilettenpapier von 1965 (rechts im Bild).
Das Highlight der Führung war für mich der Besuch der halbautomatischen Telefonvermittlung. Das ganze System ist noch in Betrieb und kann. Es handelt sich dabei wohl um die einzige noch intakte Vermittlungsstelle dieser Art in Deutschland. Der Bunker hat damit seinen Zweck auch noch bis heute gut erfüllt, indem er dieses technohistorische Wunderwerk vor schädlichen Außeneinflüssen geschützt hat. (In Prenden wurde eine wesentlich größere Anlage gleicher Funktion ja leider vollständig demontiert.)
Ein Radio-Produktionsstudio des Westdeutschen Rundfunks, in dem sich noch original Tonbänder bespielte und unbespielte befinden. Es diente allein dem Zweck, dass sich der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen mit der Bevölkerung in Verbindung setzen konnte um sie zu beruhigen. Eine andere Funktion hatte seine Präsenz im Bunker nicht.
Wassertanks (links), in denen das aus dem Tiefbrunnen geförderte und aufbereitete Wasser zwischengespeichert wurde. Zwei Dieselmotoren (Mitte), die für die Elektrizitätsversorgung zuständig waren, aber durch eine Batterieanlage gepuffert werden konnten, wenn sie eine kurze Zeit lang nicht laufen. Der Lärm der Motoren hat zu einer akustischen Dauerbelastung selbst bei den Bunker-Übungen geführt, die nur schwer zu kompensieren war. Im Ernstfall wäre sie wohl auch nur kurzfristig durch laute Knallgeräusche außerhalb des Bunkers übertönt worden. Rechts sieht man in den blauen Zylindern Luftfilter, die regelmäßig gewogen wurden, um den Verbrauchsstand festzustellen.
Zuguterletzt: Eine pneumatische Anlage zur Regelung der Klimatisierung im Bunker, auf die der Museumsführer besonders hingewiesen hat, weil die teilweise meterlangen Kupferrohre aus einem Stück gebogen wurden. Die Klimatisierung des Bunkers stellt eine besonders anspruchsvolle und kostenaufwändige Aufgabe dar – auch heute noch. Die Klimaanlage läuft derzeit auf kleinster “Flamme”, um die Energiekosten gering zu halten. Es ist möglich, dass sie mit steigenden Besucherzahlen hochgeregelt werden muss, um – wie eingangs geschrieben – die Luftfeuchtigkeit zu regeln.
Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich beide Bunker-Museen derzeit selbst tragen müssen und allein von den Eintrittsgeldern (und vielleicht Spenden und Zuwendungen an die Trägervereine) finanziert werden. Daher empfehle ich jedem, die Bunker im Ahrtal und in Urft einmal zu besuchen. Man bekommt dort nicht nur einen einzigartigen Blick in zeit- und technik-historische Phänomene, sondern hilft gleichzeitig dabei, die Erinnerung an diese Facette des Kalten Krieges wach zu halten.
Die Bunkerführung wurde von dem Journalisten Jörg Diester durchgeführt, der seine Sache exzellent, mit viel Humor und – was wichtiger ist – mit kritischem Sachverstand geleistet hat. Anders als bei den vorherigen Führungen ging es nicht darum, angesichts des Erhabenen ins Witzeln zu verfallen, sondern Diester betonte vor allem die Paradoxien der nicht-funktionablen Bunker, die immense Kostenverschwendung aber auch die stragetische Funktion der Bunker im Rahmen der Abschreckung. Die zahlreichen Querverweise zur Spionage, zu den Maulwürfen und zeithistorischen Details haben die Führung zu einem überaus lehrreichen Gang durch die time tunnel Nachkriegsdeutschlands werden lassen.
Text und alle Fotos: Stefan Höltgen







































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