Jan 10
Homo homini lupus
Aus gegebenem Anlass – dem Start von “The Road” in GB, im Mai dann auch endlich in DE – habe ich heute Wolfzeit ( Frankreich/Austria/Deutschland 2003, Michael Haneke, im Original: Le Temps de Loup) angeschaut und möchte aus Sicht meines kommenden Sammelbandbeitrags zur “Ethik der Straße” (im ersten postapocalypse.de-Sammelband!) noch etwas dazu sagen (auch wenn Stefan natürlich Erst0r war, das soll nicht unerwähnt bleiben – der Tipp, “The Road” und “Wolfzeit” kurzzuschließen, kam auch von ihm).
Was am Beginn wie ein Familiendrama aussieht und wenig Fluchtpunkte setzt – eine Familie wird in ihrem eigenen französischen Landhaus von einer anderen bedroht, der Vater schließlich erschossen -, wird allzu bald in einen größeren Rahmen gesetzt. Niemand hilft der verbliebenen Mutter und ihren zwei Kindern, “Normalität” und “Recht” sind suspendiert, der Zuschauer ahnt, dass hier mehr passiert ist als nur ein Mord. Die Kleinfamilie zieht weiter (auch hier ist die Straße, später ein Bahngleis, die Orientierungshilfe) und versucht, die ersten Nächste allein klarzukommen – was aufgrund des Schocks und der neuen, ungewohnten Bedingungen schwer fällt. Sie treffen auf einen fremden Jungen, der zur Tochter ein wenig Vertrauen fasst – hier lässt sich hervorragend messen, welche Werte in diesem Szenario verloren gegangen sein müssen, dessen Ursache der Zuschauer nie erfährt -, und er führt sie auf die Spur der Bahntrasse und der vorbeikommenden Versorgungszüge, die es wohl noch gibt.
Ähnlich wie in “The Road” (bislang kann ich leider nur über das Buch reden …), werden die Vorbehalte, z. B. Tote zu plündern, aus Überlebenswillen bzw. Vernunftgründen (“Sie brauchen es ja nicht mehr.”) über Bord geworfen. Die Gruppe trifft auf einen kleinen Bahnhof, der einigen Flüchtlingen als Lager dient und wo sich ein Monsieur Koslowski schon als Lagerchef installiert hat. Hier wird deutlich, dass die neue “Heimat” zwar mehr Schutz bietet und einen wirklich notwendigen Rahmen, zugleich aber die Umstände, unter denen die Menschen dort im Prinzip nicht nur klarkommen, sondern auch konkurrieren müssen, unmenschlich sind: Misstrauen, Aggression, Egoismus, Verständigungsschwierigkeiten zwischen verschiedenen Nationalitäten und Grundeinstellungen sind dabei die kleinsten Elemente der Schwierigkeiten, die sich ergeben.
Hier wird schnell deutlich, dass Zivilisation im bisherigen Sinne vorbei ist und die Anwesenden ihre Regeln neu gestalten können und müssen – wobei Koslowski versucht, dabei die tragende Kraft zu sein (letztendlich aber nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, indem er Wasser gegen Sex tauscht). Tauschhandel und Faustrecht gehen so Hand in Hand, zielgerichtet ist hier nur der Wille zu überleben und der Wille, einen Zug anzuhalten und mit ihm zu entkommen – wohin auch immer (das ist auch die Frage bei “The Road”: Ist es wirklich sinnvoll, zum Ende der Straße zu gelangen?).
Die sozialen Reibereien verstärken sich, als weitere Flüchtlinge, teilweise bewaffnet, hinzukommen – eine Sonderrolle spielt der fremde Junge vom Beginn, der wegen Diebstahls ausgestoßen wurde, aber immer wieder von der Tochter im Wald besucht wird. Was Recht und was Unrecht ist, wird nach und nach immer unklarer, verschwommener, wird letztendlich vor den Augen des Zuschauers in der jeweiligen sozialen Gruppe “live” ausgehandelt. Making new rules as we go along, oder um es mit Otto Neurath zu sagen: Moralität ist hier wie ein Floß, das bei stürmischer See umgebaut wird.
Dass es keinen sozialen, rechtlichen oder sonstigen Halt mehr gibt, belegt auch die sehr eindrückliche Szene, in der die Familie im Lager wieder auf die Familie trifft, die den Vater erschossen hatte. Nicht nur, dass es ihnen nicht zu beweisen ist – der Überlebenswille des einen zählt ebenso wie der des Anderen. Gut dran ist nur, wer schneller abdrückt.
Das Ende bleibt offen bzw. kryptiert, was mit allen geschieht. Der kleine Junge, der die ganze Zeit versucht hatte, dem Wahnsinn, dieser Situation ausgesetzt zu sein, zu entgehen, setzt sich nackt vor das Warnfeuer, das den Zug, der vielleicht nie kommen wird, aufhalten soll. Ein Mann hält ihn ab und erklärt ihm, dass es reiche, ins Feuer gehen zu wollen.
In den Abgrund zu sehen reicht als Erfahrung, man muss nicht hinunterspringen.
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